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Der Walzer im Schatten

10064 Wörter·48 min

Vorwort
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Fünfundvierzig Jahre habe ich gewartet, um meine Memoiren über meine Erlebnisse im KZ Flossenbürg niederzuschreiben. Ich hätte sie früher zu Papier bringen sollen, denn auch die Geschichte ist über Flossenbürg hinweggegangen. Auschwitz, Dachau, Buchenwald, Bergen-Belsen sind seit Langem eingeprägte Schrecken, doch die „Hölle“ von Flossenbürg scheint unbekannt zu sein. Deshalb diese Broschüre, die eine Lücke schließen soll. Diese Broschüre ist zugleich eine Erinnerung an die Barbarei des Nazi-Regimes, die mit keinen Worten zu beschreiben war. Gleichzeitig verneige ich mich vor Zehntausenden und Aberzehntausenden Toten, Menschen, die sich gegen einen herzlosen Tyrannen aufgelehnt hatten und fern von Volk und Heimat wie Tiere starben oder abgeschlachtet wurden. Der Preis für die Freiheit war hoch und blutig. Jüngere Generationen tun gut daran, historisch-menschliche (keine demagogisch-politische) Lektüre über die KZ zu lesen, um sich mit dem Gedanken zu stärken: SO ETWAS DARF NIE WIEDER GESCHEHEN. Wenn das verwirklicht wird, werden der geleistete Widerstand und die Opfer von Millionen Menschen nicht vergeblich gewesen sein. DEMOKRATIE, DIE STIMME DES VOLKES IN VOLLER FREIHEIT, MUSS FÜR JEDEN EIN ANZUSTREBENDES IDEAL BLEIBEN. Die Broschüre ist auch streng persönlich, ohne mit denen abrechnen zu wollen, die in den eigenen Reihen Verrat begangen haben. Die Wahrheit behält stets ihr Recht. Schließlich ist diese Broschüre ein Geburtstagsgeschenk für meine Ehefrau, Kinder, Enkelkinder, Familienmitglieder und Freunde. Am 23. April 1945 wurde ich von den Amerikanern in Flossenbürg befreit. Ein „Geschenk“ zu meinem Geburtstag am 25. April. Ich war damals 38 Jahre alt. Fünfundvierzig Jahre später gebe ich es als Geschenk weiter.

C.J. Droesbeke

Fiche de renseignements Ministère de l'intérieur
Fiche de renseignements Ministère de l'intérieur

Einleitung Ich wurde am 31. März 1944 im Haus meiner Mutter in Merchtem von der Gestapo verhaftet. Wider alles Erwarten war ich dort über Nacht geblieben. Widerstandskämpfer X war zu lange zu Besuch geblieben, sodass es zu spät war, noch mit dem Fahrrad nach Brüssel zurückzufahren. Ausgangssperre. Wer hatte mich an die Deutschen verraten? Nur X wusste, dass ich die Nacht bei meiner Mutter verbringen würde. Bei der Ankunft der Gestapo konnte ich nicht entkommen. Das Haus meiner Mutter war umstellt. Obwohl ich bewaffnet war, hatte Widerstand zu leisten keinen Sinn. Die Übermacht der Deutschen und ihrer Helfershelfer war zu groß. Ich versuchte, über das Dach zu entkommen, rutschte aus und landete vom Dachfenster aus in der Dachrinne. Nachdem ich mich ergeben hatte, wurde ich in einen Wagen gestoßen, in dem ich auch meinen Dorfnachbarn X wiedererkannte. Dieser rauchte eine Zigarre, die er offensichtlich von einem deutschen Begleiter erhalten hatte. Auf die deutsche Frage, ob ich den Mann mit der Zigarre kenne, antwortete ich verneinend. Ich wurde mit einem Faustschlag ins Gesicht belohnt. Eine „spezielle“ Art der Begrüßung, doch ich schwieg. Die Deutschen fuhren mit uns über Breendonk nach Mechelen. In Höhe des berüchtigten Festungslagers sagte mir ein mitfahrender deutscher Offizier: „Das wird Ihre zukünftige Wohnung.“ In einer Kaserne in Mechelen angekommen, wurde ich separat gehalten. X blieb im Büro bei den Deutschen. Immer mehr Mitglieder unserer Widerstandsgruppe wurden in die Kaserne gebracht. Das Denunzieren schien sich zu lohnen. Nach Vernehmung und Überprüfung der Identität wurden wir in einer Gruppe von zehn – darunter ein Engländer, dessen Namen ich nie gehört habe – in das Gefängnis in der Begijnenstraat in Antwerpen gebracht. Ich wurde dort allein in eine Zelle gesperrt. Die einzige. Ich wurde mehrmals verhört und gefoltert in einem Gebäude an der Belgiëlei. Ich hörte, wie ich unter anderem von X Taten beschuldigt wurde, von denen ich vollkommen nichts wusste. Ich wurde als Einziger der Gruppe nach Breendonk überstellt. Dort wurde ich verhört und misshandelt; doch nach einigen Tagen landete ich erneut im Gefängnis in der Begijnenstraat. Von dort begann der „große Transport“ in das Konzentrationslager Flossenbürg, wo ich am 16. Dezember 1944 – Belgien war damals bereits seit drei Monaten befreit – ankam.

Inschrijvingsfiche KZ Flossenbürg: Droesbeke Constant 39888
Eintragungskarte KZ Flossenbürg: Droesbeke Constant 39888
Namen register KZ Flossenbürg B 39888
Namensregister KZ Flossenbürg: 39888 Droesbeke Constant Julien

Das Konzentrationslager Flossenbürg (Bayern), etwa fünf Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt, lag 1.100 m über dem Meeresspiegel. Es war ein abgeschiedenes und besonders gut getarntes Konzentrationslager. Laut Statistiken wurden von 1938 bis 1945 etwa 111.400 Personen inhaftiert: 95.400 Männer und 16.000 Frauen. Fast 74.000 von ihnen, darunter 1.693 Belgier und 4.771 Franzosen, kehrten nicht mehr zurück. Ich hatte die Nummer B 39.888. Ich habe dieses schmutzige Stück Papier als Reliquie aufbewahrt, denn das erlittene Leid kann, darf und will ich nicht vergessen.

B 39888
B 39888

Überlebende dürfen nicht schweigen. Sie haben das Erbe des Sprechens erhalten. Tausende Frauen und Männer, die in der „Hölle“ zurückgeblieben sind, haben den Überlebenden ein Vermächtnis mitgegeben: Wenn alles vorbei ist, müsst ihr der Welt erzählen, was hier geschehen ist. Die Menschheit muss wissen, wozu fanatisch Besessene fähig waren und wie monströs eine Diktatur Volk und Land zerstören konnte. Diktatur, Rassismus, Antisemitismus, Terrorismus sind besonders böse Leiter. Sie dürften nirgendwo auf der Welt eine Chance bekommen, doch … diese grausame Realität ist noch keine Vergangenheit. Auch heute werden Männer und Frauen wegen ihrer politischen Überzeugung, wegen ihrer Religion, wegen ihrer Liebe zu Land und Volk in Kerker geworfen und gefoltert. Das „Böse aus der Vergangenheit“ wiederholt sich weiterhin.

Als Zeuge so vieler menschlicher und zivilisatorischer Dramen im Konzentrationslager Flossenbürg erzählen einfache Sätze viel mehr als gelehrte Thesen. Es geschahen entsetzliche Dinge in Satava, Zwickau, Theresienstadt, Litoměřice, Hradiště, Janovice und so vielen anderen weniger bekannten Schreckensorten der Nazi-Zeit. Albträume davon blieben Jahrzehnte die Gefährtinnen der Überlebenden. Jüngere Generationen tun gut daran, so viel wie möglich über die Konzentrationslager von damals zu erfahren und für sich passende Schlüsse zu ziehen gegen politische Regime, die darauf aus sind, die menschliche Freiheit zu fesseln oder zu zerstören. Es kommt ein Tag, an dem es keine Überlebenden mehr von deutschen Konzentrationslagern geben wird; doch Generationen müssen sich in Wahrheit weiterhin Fragen stellen können über die Verderbtheit von Staats- und totalitären Parteiregimen oder Ideologien, die auf Hass, Unfreiheit, Zerstörung geistiger Werte, biologischer Religiosität aufgebaut sind.

Wer misshandelt, foltert, Unrecht begeht im Namen eines Volkes, eines Landes, einer Kirche, einer Idee, muss immer bekämpft werden. Das war der Sinn des Leidens und des Martyriums so vieler Hunderttausender, wenn nicht Millionen, in den Konzentrationslagern des Zweiten Weltkriegs. Die Geschichte darf sich auf diesem Gebiet in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten nicht mehr wiederholen. Faschismus, Nazismus, Marxismus und so viele andere „-ismen“, die Völker und die Menschheit auf Abwege in Richtung Entfaltung, Bewusstsein und Demokratie führen, dürfen niemals wieder eine Chance bekommen. Für diese „-ismen“ gilt ein einziges Wort: Abscheu. In diesem Geist starben Massen von Menschen in den Schrecken des 20. Jahrhunderts. Eine Hölle, in der Schwächere an Willen, Charakter und Gesundheit ihre Mitgefangenen verrieten, um selbst Folterungen zu entkommen. Menschlich. Helden laufen nie in Massen.

Deshalb ist es so wichtig, dass Zeugnisse, Dokumentation und Lektüre in Wahrhaftigkeit abgelegt, gesammelt bzw. geschrieben werden. Dann werden sie eine Vorbeugung gegen das Austrocknen dessen sein, was Überlebende aus Konzentrationslagern der Geschichte zu erzählen hatten. Volk und Nation müssen die Aufrichtigkeit der Vergangenheit hören und ertragen wollen. Propaganda, Eigennutz, patriotische Hochmut und billige Emotion ehren die Toten nicht. Ich entblöße das Haupt aus Ehrfurcht vor den so vielen, die ich gelassen in Schmerz, in Verzweiflung, als Opfer für Volk und Land sterben sah. Mutig oder nicht, sie hatten es alle gewagt, sich gegen einen Besatzer aufzulehnen, in vieler Hinsicht einen grausamen Tyrannen.

Im Land des Feindes
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16 Dezember 1944! Tag der Ankunft in Flossenbürg. Ein Zug entlud eine Gruppe von 95 „verurteilten“ politischen Gefangenen, zivilen Ungehorsamen, Saboteuren. Ich war einer von ihnen. Wir trugen alle Handschellen … als wären wir gefährliche Verbrecher. Der Empfang in diesem gottverlassenen Loch war ausgesprochen unfreundlich. Deutsche Einwohner, Erwachsene und Kinder, beschimpften die Gefangenen von den Bürgersteigen aus. Hinter Fensterscheiben tauchten spöttische und herausfordernde Gesichter auf. Hier und da bemerkten wir jedoch mitleidige Blicke von Deutschen, die eine empfindsamere Sicht auf das vorbeiziehende menschliche Elend hatten.

Die Entfernung zwischen dem Bahnhof (etwas außerhalb des Ortskerns) und dem Eingang des Konzentrationslagers in Flossenbürg betrug etwa anderthalb Kilometer. Beim Verlassen des Dorfes war links auf dem Hügel das Geröll eines alten befestigten Schlosses zu sehen. Trotz der noch immer beeindruckenden Steinmasse, die die umliegenden Berge zu beherrschen schien, war der Anblick eher düster. Etwas unheimlich sogar.

In der Ferne waren neu errichtete Baracken im bekannten bayerischen Stil zu erkennen. Riesige Bauarbeiten waren in einem Tal im Gange: das Lager, ein Arbeitslager wohlgemerkt. Ringsum auf- und absteigende Hügelreihen und Fichtenwälder, grob von Nadeln, so weit das Auge reichte. Ein See war wegen der Bewaldung größtenteils dem Blick entzogen.

Der Berg vorne war ein in Betrieb befindlicher Steinbruch. Dunkle Gänge zwischen Riesenblöcken aus Stein wiesen auf die Eingänge zum Steinbruch hin. Dieser Teil des Lagers war mit Stacheldraht abgesperrt und von Wachtürmen umgeben. Alles deutete darauf hin, dass Lagerhäftlinge dort eingesetzt waren. Getarnte Baracken, kaum zu unterscheiden, gaben mir das Gefühl, ganz nah am „Bestimmungsort“ zu sein.

Der Eingang des Konzentrationslagers war majestätisch. Zwei riesige Säulen trugen ein massives eisernes Tor, fest verriegelt. Wir blieben davor stehen. Ein SS-Wächter kam hastig und sichtlich wütend, mit Knüppel in der Faust, auf uns zu. „Weitermarschieren!“, brüllte er. Er zählte. Das schwere Tor schloss sich langsam und quälend knirschend hinter der Kolonne von 95. Nun sah ich die Umzäunung noch besser: elektrischer Strom darauf nahm jede Hoffnung auf Flucht in einer Gegend, in der kaum ein Zeichen menschlichen Lebens in der Nähe zu erkennen war.

Electrische omheining KZ Flossenbürg
Elektrische Umzäunung KZ Flossenbürg

Steinerne Wachtürme mit kleinen Dächern beeindruckten. Maschinengewehre lauerten. Am Horizont dunkle Silhouetten, Überreste des bereits erwähnten Schlosses an der Grenze zur benachbarten Tschechoslowakei.

Als ich das sah, stand ich wie gelähmt da. Im Übrigen bewegte sich niemand in der hineingetriebenen Gruppe der Gefangenen. Nur das Klappern der Zähne war zu hören. Ein Nordostwind schnitt trocken durch die Kleidung. Es fror, dass es knackte. Das Quecksilber im Thermometer an einem großen Gebäude beim Eingang war auf 17 Grad unter null gesunken. Festgetretener Schnee war zu einer Eisschicht geworden. Hände kribbelten, Füße wurden taub beim Warten auf Befehle.

Kapos, Gefangene wie wir, die im Konzentrationslager privilegierte Funktionen innehatten, setzten sich in Bewegung. Ihre Knüppel hielten Ordnung und Disziplin aufrecht. Die Folter begann. Jeder musste abgeben, was er noch bei sich hatte, und sich danach in der reinsten Frostluft entkleiden. Was noch wertvoll schien, blieb in den Händen der Kapos zurück: solide Oberbekleidung, gutes Schuhwerk, Wollpullover, goldene Ringe, Brillen … auch Fotos von Lieben, zu denen wir in schweren und verzweifelten Momenten sprachen, wurden uns genommen. Viele hatten Tränen in den Augen. Wer wir bis dahin am Herzen hatten, verschwand in bösen Händen. Mit Gegenwehr oder Widerspenstigkeit war nichts zu gewinnen.

Im Übrigen schlugen Knüppel so gern auf nackte Körper. Sobald alle splitternackt waren, begann das „Aufwärmen“ zwischen zwei Reihen von Wächtern. Bei jedem Durchgang trafen sie gezielt. Dieses „Spielchen“ dauerte etwa eine halbe Stunde. Bei dieser schneidenden Kälte und auf blutenden Füßen wegen der Härte der Schneekruste brach mir der Angstschweiß aus. Ich spürte Wärme von Schmerz und Beklemmung. Nach der „Übung“ im Laufschritt und gebückt unter Schlägen wurden wir alle mit eiskaltem Wasser „gereinigt“. Einmal „gereinigt“, durften wir die Baracke betreten. Eine hölzerne Pritsche wurde mir und den anderen zugewiesen. Nun warteten wir auf die erste Nacht, meinten wir.

Falsch. Ein Geschrei auf Deutsch riss mich aus den Gedanken über eine besonders unsichere und unheilvolle Zukunft. Zwei ziemlich gut gekleidete Gefangene meldeten sich in der Baracke. Sie waren mit Schere und Haarschneidemaschine bewaffnet. Sie gehörten offenbar zum „Gewerbe“ der Lagerfriseure. Sie schienen gut aufeinander eingespielt: Der mit der Schere schnitt grob den Haarschopf weg, und der mit der Maschine machte die Millimeterarbeit. Sie gingen in ihrer Arbeit auf, denn sobald der Kopf kahl geschoren war, entfernten sie auch Brust, Schamgegend, Oberschenkel und Beine von ihrer natürlichen Behaarung. Im Vergleich zu einem gerupften Hühnchen war das noch schlimmer. Ein verfluchter Anblick.

Einmal nach „allen Regeln der Kunst“ kahl geschoren, warfen uns die Wächter die Kleidung der Gefangenen zu: ein blau-grau gestreifter Anzug aus dünnem Stoff ohne Futter, eine Mütze, ein Hemd, Holzschuhe. Ein Taschentuch war nicht dabei. Wir galten als „in Ordnung“ für die Belegung unserer ersten Wohnung: Baracke 20. Später erfuhr ich, dass das Lager 24 „Wohnblöcke“ zählte, in denen etwa 10.000 Gefangene untergebracht waren.

Das Lagerregime war sofort spürbar: Am selben Abend kein Essen mehr. Es war zu spät (?). Erst Kohlsuppe am nächsten Mittag! Das Menü war bekannt. Die Unruhe, eigentlich eine Form des Protests, unter den Gefangenen in der Baracke war groß. Aber nicht lange, denn die Knüppel der herbeigeeilten Wächter stellten in kürzester Zeit wieder Ruhe her.

Unter den gegebenen Umständen war es ratsam, die Schlafstelle aufzusuchen. Schlaf war nötig. Ich machte es mir in der dritten „Etage“ in den übereinander gezimmerten Kisten bequem, genau wie Sardinenbüchsen zu viert in der Soße von Ungeziefer. Schmutzig. Die Seitenbretter der Schlafpritschen waren schwarz von den Überresten früher getöteter Läuse und Flöhe. Es wimmelte von diesen Viechern. Im Nu sorgten Bisse für rote Pusteln am Körper. Den „Kistenkameraden“ blieb nichts anderes übrig, als gegenseitig Jagd auf die Parasiten zu machen.

Die Ausgangssperre war auf acht Uhr festgelegt. Das Lager lag gefesselt in den Strahlenbündeln starker Scheinwerfer: doch in der Baracke kein Licht, kein Wort, kein Geräusch mehr. Verboten. Gleichzeitig musste man auf diebische Finger aufpassen. Denn so schäbig auch die Reste des persönlichen Besitzes waren, die Aufmerksamkeit der Diebe ließ nicht nach.

Schlafen geschah im Hemd unter einer zerfetzten Decke. Das gestreifte Gefangenenkleidchen diente als Kopfkissen. Die Bettbretter waren so wenige, dass sie nicht einmal das zu einer Matratze gestopfte Stroh tragen konnten. Man konnte schon von Glück sprechen, wenn kein Dysenteriekranker in der Nähe lag. Noch schlimmer war es, wenn jemand mit Durchfall dein Obermann war.

Die Sprache des Knüppels
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Jeder Tag begann sehr früh, und wenn spezielle Arbeitskommandos gebildet wurden, wurde noch ein weiteres Stück der Nachtruhe geraubt. Fünf Uhr war die normale Aufstehzeit, eigentlich ein „Herausprügeln“. Die Wächter oder Helfer oder wie man sie nennen sollte, schlugen wild drauflos. Jeden Morgen prügelten sie uns aus den Schlafpritschen. Flüche und Geschrei gingen Heulen und Stöhnen voraus. Ein grauenhaftes Erwachen. Die Ordonnanzen der Kapos schwangen gern den Knüppel. Auf alles, was nicht nach ihrem Geschmack war, stand Knüppelstrafe. Die Inspektionen am „Bett“ jagten einem einen Schauer über den Rücken, denn wann war eine Schlafpritsche schon regelkonform? Und wenn sich der „Blockmann“ einmischte, war Abrechnung an der Tagesordnung. Es konnte noch schlimmer werden, wenn man wegen alledem abends nichts zu essen bekam.

Über diese Kapos und Helfer, allesamt Mitgefangene, gibt es empörende Dinge zu berichten. Um in Funktion und am Leben zu bleiben, machten sie das Dasein im Konzentrationslager grässlicher, als es ohnehin schon war. Sie trugen Mitschuld an Tötung und Verhungern. Sie strichen willkürlich Mahlzeiten oder teilten geringere Rationen aus, um sich selbst besser ernähren zu können. Ein abscheuliches Lagersystem mit einem schauderhaften „Blockchef“.

Was war das für ein Mensch? Er schien um die Fünfzig zu sein und war deutscher Nationalität. Vor allem war er ein gemeiner Rechtsbrecher, der – zu lebenslanger Haft verurteilt – nach zehn Jahren Haft die Gelegenheit erhalten hatte, sich im Konzentrationslager erneut „bewähren“ zu können. Kurz und gedrungen von Gestalt, hatte er einen monströsen Blick, in dem Verachtung und Argwohn schwammen. Brutalität stand ihm ins Gesicht geschrieben, und er war Wutausbrüchen unterworfen. Dieser Mann hatte jedes menschliche Gefühl verloren. Gefängnisjahre hatten ihn von Mensch und Gesellschaft entfremdet. Ein solches Wesen war als Blockchef im Konzentrationslager Herr über Leben und Tod. Kein einziger Gefangener war bei ihm sicher. Er war unberechenbar, launisch. Ihm zu widersprechen war gleichbedeutend mit Selbstmord. Er konnte über Deutschland faseln. „Deutschland gab uns Unterkunft, Kleidung und Nahrung. Als Gegenleistung mussten wir mit Herz und Seele arbeiten, denn Deutschland brauchte viele Hände, um zu siegen. Jede Weigerung zur Arbeit würde mit dem Tod bestraft.“

Solcher Unsinn wurde jedes Mal von Dolmetschern ins Russische, Französische, Italienische, Tschechische übersetzt. Ach, dieser Mann glaubte, Gehirnwäsche zu betreiben, wenn er über den unvermeidbaren Krieg dozierte. Nach Ansicht dieses Blockchefs war das Kriegsende nah. Die Alliierten würden zurück ins Meer getrieben und der Bolschewismus vernichtet werden. Deutschland könne nicht verlieren. Reiner Blödsinn. Schlimmer noch: Was dieser Verrückte oder gefährliche Mann (du hast die Wahl) von sich gab, mussten die Gefangenen mit einem überzeugten „Ja“ beantworten, sonst konnte man das Schlimmste erwarten.

„Die Gefangenen brauchen nur zu arbeiten und glücklich in ihrem Schicksal zu sein“, sagte er. Regelmäßiges Baden sei ein „Muss“, aber es gab kein Wasser. Und weiter sei zu merken, dass Sabotage mit dem Strang bestraft werde, Stehlen die Todesstrafe kosten könne, dass politische Gespräche verboten seien und dass den Autoritäten des Arbeitslagers Ehrerbietung und Gehorsam geschuldet würden. Grüßen geschah in Haltung und mit Mütze in der Hand.

Nachdem die Instruktionen angehört waren, mussten wir in die Reihe für die Häftlingsnummer. Ich erhielt die Nummer B 39888. Sofort wurden im Lagerregister Namen durch Nummern ersetzt. Sobald das Stoffstück mit der Nummer auf die linke Schulter des Gefangenenanzugs angenäht war, konnte man jederzeit des Tages einem „Kommando“ zugeteilt werden, um auf Befehl bestimmte Arbeiten oder Schikanen auszuführen.

Leben mit dem Tod
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Die Uhr kündigte Mittag an. Essenszeit. Die Mägen knurrten vor Hunger. Fünf, sechs Gefangene holten die Suppenkessel aus der Küche. Die anderen standen stramm vor der Baracke, mit rostiger Schüssel und Löffel in Bereitschaft. Es war bitterkalt. Die diensthabenden Gefangenen schleppten fünf Kessel zu ihren „Kollegen“. Helfer des Blockchefs eilten herbei, um die Suppenausgabe – für jeden eine Kelle von fast einem Liter Inhalt – in „gute“ Bahnen zu lenken. Wer aus dem Automatismus des schnellen Anrückens herausfiel und nicht rechtzeitig die Schüssel unter die Kelle hielt, spürte harte Fäuste an schmerzhaften Stellen. Diese Küchenkelle war nie bis zum Rand gefüllt und tauchte nie tiefer als in das Dünnste der Suppe, denn das Unterste und bei Weitem Schmackhafteste und Nahrhafteste aus dem Kessel wurde unter den Helfern, den Vertrauten des Kapos, verteilt.

Die Suppe war ausgelöffelt. Die Arbeit wartete. Schwere noch dazu. Auf dem Hügel mussten Fundamente für den Bau neuer Baracken gegossen werden. Auf einem Liter wässriger Suppe einen ganzen Nachmittag mit Zementsäcken herumlaufen war kein Spaß. Alle waren gequält von Hunger, Kälte und Erschöpfungsschmerzen.

Abends, nach den Arbeitsstunden, organisierte der Blockchef in der Baracke „öffentliche Vorführungen“. Ein teuflisch inspiriertes Spektakel. Der Chef ließ zwei Stockprügler antreten, die vorzugsweise die Nierengegend der Opfer bearbeiteten. Fünfzig Stockhiebe waren ein normales Tarif. Jeder war verpflichtet, diesem „Schauspiel“ beizuwohnen und zu singen, um das Heulen und Schreien zu übertönen. Widerwärtig. Oft wurde so hart geschlagen, dass Blut auf die „Zuschauer“ spritzte. Grauenvolle Szenen. Waren das noch Menschen? Für die geringste Kleinigkeit wurde die Essensausgabe vorenthalten, und je nach Laune der Wächter griff man zum Stock. Ich habe mir dabei auch eine kaputte Niere zugezogen.

Die Lagerwächter waren Sadisten übelster Sorte. An einem Sonntag, vermutlich wegen irgendeiner Bagatelle, bekam niemand etwas zu essen. Darauf folgte noch eine Disziplinarmaßnahme mit Zwangsübungen, die im Laufe des Tages mehrmals wiederholt werden mussten. Diese Wächter fanden in solchen Schikanen ihr Vergnügen. Manchmal ließen sie uns so lange in die Hocke gehen, bis wir rückwärts umfielen, oder sie hängten Gefangene mit hinter dem Rücken gefesselten Armen an einen Haken. Sehr schmerzhaft. Es kam auch vor, dass die Lagerwächter uns ohne jegliches Material zur Verfügung zu stellen im Laufschritt nutzlos Erde oder Sand hin- und herschleppen ließen. Die Mütze war das geeignete „Transportmittel“. Die Schergen johlten vor Lachen; Nichtsnutze, die Spaß daran hatten, Schwache, Elende, Hungernde in die Knie gehen zu sehen.

Im Räderwerk von Sklaverei und Schikane drehte sich auch das Zahnrad des Todes. Es zermalmte Glauben, Hoffnung und Liebe. Fast täglich baumelten Tote an irgendeinem Pfahl im Lager. Aufgehängte Körper waren ein vertrautes Bild für die Gefangenen, die abends nach schwerer Arbeit ins Lager zurückkehrten. Sie waren „Beute“ für die Leichenträger. Ab und zu hörte man auch Gewehrschüsse, und dann musste man raten, ob bestrafte Erschossene oder Gefangene, die ihren Fluchtversuch mit dem Tod bezahlt hatten.

Jeder schlief und lebte mit dem Tod. Grausam in seiner Vielfalt. Kranke Gefangene wurden wie wuchernde Pflanzen ausgerottet. Sie waren zu nichts nütze, warum sie dann noch ernähren? Zynismus war täglich ein großes Aushängeschild. Eines Tages räumte ein Gefangener Schnee. Er warf die weiße Masse neben die Straße in einen tiefer gelegenen Graben. Plötzlich wurde er von einem SS-Mann von hinten getreten. Der Arme stürzte vornüber in den Graben. Er hatte sichtlich nicht mehr die Kraft, aufzustehen. Niemand eilte ihm zu Hilfe. Er zappelte, bis er … erfror. Es kam vor, dass Lagerwächter bei Frost einen Gefangenen in einen großen Wasserbottich tauchten. Danach wurde dieser Mann in durchnässter Kleidung auf dem Appellplatz ausgestellt. Nach kurzer Zeit klafften Risse in Gesicht und Händen. Wieder wurde der Mann unter Wasser gedrückt. Wieder wurde er präsentiert. Der Körper verwandelte sich in einen toten Eisblock.

Das Konzentrationslager war ein einziges Sterbehaus. Jeden Morgen lagen Gefangene tot in den Schlafpritschen. Wer vom Dienst war, warf die Leichen durch das Fenster. Wie Hausmüll. Makaber. Manchmal ließen Mitgefangene verstorbene Barackenkameraden tagelang in der Pritsche liegen, in der Hoffnung, etwas von ihren Rationen ergattern zu können. Ich habe drei Tage neben einer Leiche geschlafen, bis die Morgenprügler, die uns aus den „Federn“ klopften, entdeckten, dass er tot war.

Der Tod hatte in Flossenbürg seine Würde verloren. Wenn man nachts in der Baracke einen Plumps hörte, konnte man sicher sein, dass jemand einen toten Beischläfer über den Rand des „Bettes“ gekippt hatte. Morgens waren dann ein, zwei oder mehr Stücke zwischen den Pritschengängen zu zählen.

Eines Tages hatte ich „Todeskommando“. Eine gruselige Arbeit. Ich musste die Leichen wegräumen und entkleiden. Ich sah noch einen Toten oben in einer Pritsche in der dritten Reihe stecken. Mir fehlte die Kraft, ihn herauszuhieven, und ich schlug rückwärts um. Ich riss die Leiche im Fallen mit. Sie fiel in voller Länge auf mich. Zum Schaudern.

Der Gruselfilm ging weiter in der … Waschstube. Wenn ich all diese verzerrten Münder, glasigen Augen und letzten Gesichtsausdrücke toter Menschen sah, geriet ich außer Fassung. Ich begriff, dass ich Menschenknochen stapelte. Auf jede Brust, Haut über Knochen, musste Nummer und Nationalität markiert werden. Das geschah mit roter Farbe. Ich hatte Halluzinationen. Ich fühlte mich langsam sterben.

Tragisch-kurios waren die Verhaltensweisen Sterbender. Todkranke krochen in die Ecke der Waschstube zusammen und legten sich zu bereits am Tag gesammelten Leichen, um zu verenden; andere hauchten ihren letzten Atem in den Toiletten aus, wo man meist am besten vor Misshandlungen der Wächter geschützt war; wieder andere begannen plötzlich zu weinen oder zu toben und wurden wahnsinnig. Eine Phenol-Injektion machte dem ein Ende.

Widerstandskämpfer, Menschen, die ihrem Volk und Land gedient hatten, Unschuldige, starben im Land des Feindes wie Ungeziefer im Gestank von Ammoniak. Der Preis für die Freiheit, die sie alle geliebt und verteidigt hatten, war … der Tod. Schwächere Naturen und Willenlose überlebten den „Kampf ums Dasein“ nicht. Und es war jeder für sich. Gefangene waren hart zueinander. Wer täglich Leichen zum Krematorium schleppte, erbrach sich nicht mehr vom Leichengeruch und Dreck. Ich habe Hunderte zum Ofen geschleppt oder transportiert. Ihre Feuchtigkeit blieb an den Händen kleben, denn Gelegenheit zum Waschen gab es nicht.

Eines Tages hatte ich wieder „Leichendienst“. Ein russischer Gefangener half mir. Zwischen dem Haufen Gerippe entdeckte ich meinen Brüsseler Freund Delchambre. Ich hatte ihn im Gefängnis Sint-Gillis (Brüssel) kennengelernt. In einem Anfall von Rührung wollte ich diesem Mann die letzte Ehre erweisen, doch mein russischer Gefährte verstand das anders. Er schleuderte die Leiche zu den anderen auf die gefrorenen Steine. Ich krümmte mich vor Herzschmerz, doch das änderte nichts an der täglichen Konfrontation mit dem Tod.

Baracke 19 war von Kindern und Jugendlichen zwischen 8 und 16 Jahren bewohnt. Wie ich später hörte, waren es Juden. Sie wurden weniger streng behandelt als die übrigen Gefangenen und von den Nazis von schwerer Arbeit entbunden. Dennoch starb der größte Teil davon an Unterernährung und mangelnder medizinischer Versorgung.

Arbeit in den Steinbrüchen schreckte jeden ab. Zwangsarbeiter-Gefangene wussten, dass sie an ihrer letzten Ruhestätte arbeiteten.

Dezember 1944 ging zu Ende. Ein anhaltender kalter Wind wehte. Eines Tages musste ich mit einem Arbeitskommando in diesen unheilvollen „Steinbruch“. Schnee peitschte die Arbeit. Etwa hundert Gefangene waren unter den schlechtesten vorstellbaren Bedingungen tätig. Umfangreiche Steinblöcke mussten mit primitiven Mitteln auf unebenem, rutschigem Boden bewegt werden. Eine erschöpfende, schmerzhafte Arbeit. Schwache Körper konnten sich kaum hinter ihrer schweren Steinlast auf den Beinen halten. Sie taumelten, zickzack wie Betrunkene. Wächter schimpften und prügelten erschöpfte Kadaver vorwärts. Spitze Kanten schnitten in brüchige Finger und Handflächen. Und abends, nach der Arbeit, kippten Kippwagen Tote und Lebende im Lager auf Haufen. Unkenntliches „Kies-Sand“, für das Kapos den Wasserschlauch – abwechselnd kalt und warm – brauchten, um die Lebenden von den Toten zu unterscheiden. Mindestens die Hälfte des abgespülten Elends war Material für den Leichenofen.

Einen zweiten Tag in den Steinbrüchen wollte ich um jeden Preis vermeiden. Frühmorgens schlüpfte ich unbemerkt in eine Gruppe von Baumfällern. Ernüchterung griff mir schnell an die Kehle. Ich hatte einen anderen, aber ebenso grausamen Kreuzweg begonnen. Immer mit zwei kleinen Baumstämmen beladen auf schmalem, glitschigem Pfad bergauf, konnte es nicht schnell genug gehen. Fallen, Knüppelschläge, Holzblöcke verlieren und barfuß weitermachen, weil in der Reihe kein Menschenglied fehlen durfte, verursachten schreckliche Fußverletzungen. Die Armen erhielten weder Ruhe noch Pflege. Sie waren schon froh, abends noch mit ins Lager zurückzukehren. Doch in ihren Augen stand die Angst vor dem nächsten Morgen. Diejenigen, die sich am nächsten Tag krank meldeten, durften gegen den Tarif von fünfzig Stockhieben im Lager bleiben.

Leben mit dem Tod! Bei 25 Grad unter null erfroren die Gliedmaßen. Finger, Hände und Füße wurden nicht selten mit tödlicher Folge amputiert. Und was geschah in der Krankenbaracke des Lagers? Es kursierten Gerüchte über Injektionen in die Herzgegend mit Phenol. Der französische Arzt Legais, der dort oft Dienst hatte, sprach einmal von mehr als 500 Opfern. Gefangene seien als Versuchskaninchen benutzt worden. Euthanasie bei Kranken in Anwesenheit von Dr. Richard Trommen schien eine feste Regel zu sein.

Die monumentale Treppe zwischen Küche und Block Nr. 1, etwa hundert breite Stufen aus handgehauenen Steinblöcken, ließ mich jedes Mal an ein von Teufeln gepflastertes Altar zu Ehren des Schreckens denken. Wie viele Gefangene aus ich weiß nicht wie vielen Ländern hatten bei der Verwirklichung dieses „Kunstwerks“ nicht ihr Leben gelassen?

Die „Prinzen“ und die „Tiere“
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Die Wohnung des Blockchefs lag beim Eingang der Baracke. Sie war gut eingerichtet. Es fehlte nichts. In unmittelbarer Nähe befanden sich die Schlafplätze der Knüppelträger. Sie hatten nichts mit den Gefangenen zu tun. Die Knüppelträger waren sorgfältig gekleidet und gut genährt. Sie lebten wie Prinzen auf einer apokalyptischen Miststätte. Stolz wie Gießer trugen sie das grüne Dreieck, die Kennzeichnung für gemeine Rechtsbrecher. Die meisten von ihnen waren Mörder. Schlagen war praktisch ihre einzige Beschäftigung oder Zeitvertreib. Daneben gab es auch noch die „Diener“ des Kapos, den Vorarbeiter des Arbeitskommandos. Sie stellten einen Mischmasch aus Nationalitäten dar: Deutsche, Russen, Slawen, Niederländer. Alle waren fanatische Schlächter. Belgier und Franzosen, stark in der Minderheit, gehörten zum Plebs des Konzentrationslagers.

Der Meister-Kapo hatte auch noch junge „Schutzbefohlene“, die sich für eine Schüssel Suppe oder etwas anderes sexueller Befriedigung und den Gelüsten ihres „Meisters“ hingaben. Ein widerliches Schmeicheln, ein Preisgeben jeder Menschlichkeit, das im Regime jedes Konzentrationslagers eingebaut war. Ein Grund mehr, Regime weiterhin zu bekämpfen, die Menschen ihrer Freiheit berauben und entehren.

Die „Prinzen“, die „Diener“, die „Schutzbefohlenen“ lebten nicht zwischen Kot und Urin. So viele Tausende Elende schon. Wer ein natürliches Bedürfnis verrichten und zu den Toiletten wollte, kam nicht an einem Wächter vorbei. Wenn dieser schlecht gelaunt war oder wenn er meinte, in der Baracke sei zu viel Lärm gemacht worden, musstest du kehrtmachen, was dazu führte, dass man sein Geschäft in der Baracke verrichtete. Exkremente lagen überall. Ein pestilenzartiger Gestank. Die Baracken glichen oft Schweineställen. Hygienepapier war unbekannt.

In den angelegten Latrinen war ich Zeuge der widerwärtigsten Szenen. In der Regel musste man sich in eine Schlange stellen, um die Toilette zu benutzen. Knüppelträger hatten Vorrang. Wehe dem, der gerade sein Bedürfnis verrichtete, wenn ein Knüppelträger dringend „musste“. Schläge und Tritte jagten den Mann vorzeitig weg. Er musste es anderswo versuchen.

Noch beschämender und tierischer war das Toilettengehen tagsüber. Das musste öffentlich über einer breiten und ausgehobenen Grube geschehen. Am Rand der Grube lag ein Baumstamm, auf dem man sitzend sein Geschäft verrichten konnte. Das war alles andere als appetitlich. Der glatte Baumstamm war stets beschmiert, denn man durfte nicht zu weit auf dem Stamm sitzen, um nicht das Risiko einzugehen, rückwärts in den Kot zu plumpsen. Das passierte mehr als einmal. Abscheulich war das. Nicht selten wurde eine Leiche aus dieser öffentlichen Jauchegrube gezogen.

War das noch Leben? Menschlich nein, tierisch ja. Woher nahmen diese Tausende und Abertausende Gefangenen noch die Willenskraft, Tag für Tag aufrecht zu bleiben? Sobald die Tagesarbeit erledigt war, wenig Essen und bei vielen Schlägen um 18 Uhr zu Ende, suchten im Lager erschöpfte und abgemagerte Körper ihren Platz für die Namensaufrufung. Das geschah unter deutschem Geheul und Gefluche. Dieses Appell in Haltung und mit der Mütze in der Hand konnte bei Abwesenheit von Kranken und Sterbenden, denen die Kraft fehlte, sich zu bewegen, stundenlang dauern. Die Zahl musste stimmen. Es durfte nicht früher eingerückt werden, bevor die kärgliche Abendration verteilt wurde, eine Ration, die den Hunger nicht erträglicher machte.

Nachdem alles in Ordnung war und das wenige Essen verzehrt, krochen erschöpfte und abgemagerte Körper wie Ameisen durcheinander zu den Schlafpritschen. Bevor der Schlaf kam, rollte mir jedes Mal der Film des Tages vor den Augen ab. Von langer Dauer war er nicht. Die Sequenzen waren immer dieselben: harte Arbeit, Knüppelschläge, permanente Prozessionen von Leichenträgern. Letztere trugen in ihrer Kleidung den Geruch verbrannter Leichen. Man tat gut daran, nicht zu lange darüber nachzudenken, denn die Nächte waren kurz, und am nächsten Tag warteten immer dieselben schweren Hacken und Schaufeln für Aufgaben über die eigenen Kräfte hinaus, doch die Kapos dachten anders.

Im Konzentrationslager Flossenbürg wurde auf allen Ebenen die Linie zwischen den „Tieren“ und ihren „Prinzen“ durchgezogen. Hinter den verlausten Baracken stand auch ein Hüttchen. Gardinen schmückten die Fenster. Ein „Villenchen“ des Vergnügens, in dem einige schöne und gut gekleidete Damen, französische Mädchen, „Prominente“ des Lagers, sich vergnügten. Sich der Prostitution hinzugeben war ihr Lösegeld für die Freiheit. Nach sechs Monaten Bordellleben durften sie gehen …

Wer abends Gesellschaft bei den Frauen halten wollte, musste ein Eintrittsbillett mit Nummer (?) haben. Eine spezielle Glocke kündigte jeweils die Reihe der … Nächsten an.

Eines Tages wurde ich mit zwei Polen bestimmt, dem „Häuschen der Lüste“ einen Anstrich zu geben. Hatte ich Glück: ein wenig Freundlichkeit statt Knüppelschläge und ein warmes Interieur. Ich spürte den Winter nicht. Ein SS-Wächter, ein älterer Luxemburger, der den Ersten Weltkrieg mitgemacht hatte und in Brüssel einquartiert gewesen war, kam mir entgegen. Er war stolz, zwischen all den Deutschen Französisch sprechen zu können. Und Brüsseler lagen bei ihm ganz oben. „Brave Leute“, sagte er. Am nächsten Tag brachte mir der Luxemburger ein Paar Strümpfe mit. Danach war das Lied aus. Sobald die Malerarbeiten beendet waren, begann wieder das Höllenleben. Ich hatte mich ein paar Tage bei den „Prinzen“ gewähnt.

Sobald man aus der Wärme des Häuschens herauskam, fühlte sich die bittere Kälte doppelt an. Im „Tierreich“ konnte ich nur noch davon träumen.

Es ging auf Weihnachten zu. Die Nachtluft war klar von Sternen. Es war fast Vollmond. In meiner Schlafpritsche dachte ich an die Weihnachtsfeste von früher, die Kränze, die Gemütlichkeit, das gute Essen. Würde ich das je wieder schmecken? Würde ich je wieder in mein Land zurückkehren, mein Vaterland, aus dem mich ein Besatzer, ein Feind meines Volkes, verschleppt hatte, weil ich es geliebt hatte? In dieser Verzweiflung ertappte ich mich bei Plänen für die Zukunft. Ein mir angeborener Optimismus säte Funken der Hoffnung auf … Befreiung aus der Hölle von Flossenbürg. Es würde einmal ein Tag kommen …

Vorabend von Weihnachten 1944. Es winterte streng. Plötzlich geschah etwas völlig Unerwartetes. Es mochte 18 Uhr gewesen sein, als das Lager durch Glockengeläut aus der erzwungenen Ruhe gerissen wurde. Niemand wusste, was das zu bedeuten hatte. Jeder stellte sich Fragen. Plötzlich ertönten Befehle zur Räumung der Baracken. Das Lager war in Aufruhr. Appell in befohlener Stille. Der Lagerplatz badete in grellem Licht. Unruhe trieb in den Wesen von Tausenden Gefangenen. Welches Spektakel würde beginnen? Es wurde jedem schnell klar: Sechs Gefangene sollten am Querbalken des Tores auf dem Fußballfeld aufgehängt werden. Bewaffnete SS-Männer rückten an und nahmen ihre Plätze um das „Strafplatz“ ein. Ein Offizier drohte und brüllte unverständliche Worte. „Le moment suprême“ war angebrochen. Die Verurteilten traten aus einer Ecke des Lagers in das Licht eines riesigen, beleuchteten Weihnachtsbaums vor. Zynischer konnte es nicht sein. Die armen Kerle, die Hände auf dem Rücken gefesselt, erinnerten mich an römische Spiele zur Zeit Neros. Damals waren Sklaven und Christen Futter für die Löwen; in Flossenbürg dienten ausgemergelte Wehrlose dem grausamen Vergnügen Unbarmherziger.

Die Verurteilten schoben sich in einer Reihe unter den Querbalken des Tores, an dem die Schlingen baumelten. Mitgefangene, Helfer der Kapos für eine Schüssel Suppe, stellten unter dem Querbalken Stühle auf, auf die sie Bretter legten. Ein improvisiertes Schafott. Das Spektakel war in seinem letzten Stadium. Die sechs für den Strang schritten entschlossen dem Tod entgegen. Es lag etwas Heroisches in ihrem Blick, und sie beschimpften die Schlächter aufs Übelste. Auf ein Zeichen stiegen sie auf die Erhöhung. Ein Offizier trat vor und sprach theatralisch das Urteil aus: Todesstrafe durch den Strang. „Keine Gnade!“. Es kam mir vor, als hielte die Stimme Zorn zurück. Was hatten die sechs verbrochen? Niemand wusste es, aber der barsche Offizier machte jedem klar, dass Ordnung und Disziplin im Lager respektiert werden müssten. Die Helfer legten die Schlingen um den Hals der sechs. Einer von ihnen schrie noch ein paar Sätze. Ich verstand sie nicht. Im Übrigen kannte ich ihre Nationalität nicht. Plötzlich wurde es mausestill. Die Schlächter standen bereit. Abscheu vor einem Regime, das mit Leben spielte, überfiel die so vielen Tausende, die gegen ihren Willen den Hinrichtungen beiwohnen mussten.

Wie von einer bösen Wespe gestochen traten die Schlächter brutal Stühle und Bretter weg. Ein Ruck zog sechs Körper in Krämpfe. Kurzzeitig. Die Füße bewegten sich am längsten. Als die Zunge aus dem Mund hing, waren die Nazi-Schlächter zufrieden. Die „Kerzchen“ waren ihnen ein Fest gewesen.

Kerstavond 1944
Bruno Furch: Kerstavond 1944

Die Gefangenen kehrten mit gesenktem Haupt in ihre verlausten Baracken zurück. Niedergeschlagenheit und Trauer schwebten über dem Lager. Aber der Zynismus der „Herrschenden“ kannte keine Grenzen, denn beim Betreten der Baracken erklang Musik. Musiker des Lagers spielten „An der schönen blauen Donau“. Nach allem, was wir erlebt hatten, hatten wir kein Ohr dafür. Schlimmer: Die sanfte Melodie des Walzers war eine weitere Folter. Zyniker können „erfinderisch“ sein.

Es war Silvesternacht. Das Jahr 1944 starb in der bitteren Kälte von 1945. Das Lagerorchester spielte Melodien. Um elf Uhr war Zapfenstreich. Ich lag in meiner Pritsche und dachte an Mutter. Ich wurde sentimental. Ich hätte sie gern umarmt. Ich spürte in mir einen warmen Schwall von Rührung und Dankbarkeit strömen. Ich dachte über das nach, was sie mir so oft über ihr junges Leben erzählt hatte. Eine glückliche Jugend hatten meine beiden Eltern nicht gekannt. Beide waren Waisenkinder gewesen. Mein Vater war jung gestorben. Kaum 45 war er. Drei Operationen waren ihm zu viel gewesen. Meine Mutter liebte ihn über alles. Beide sind ihren Kreuzweg gegangen, ich war noch mitten in meinem. In diesem Moment wusste ich nicht, dass die vier grausamsten Monate in Flossenbürg noch überlebt werden mussten.

An diesem Silvesterabend 1944 füllte ich mich mit Sentiment für geliebte Wesen, für mein Volk, für mein Land. Es war unglaublich wunderbar, wie ich in Flossenbürg, lebend mitten im Elend, in der Tierhaftigkeit und in der Nähe des Todes, nach der Schönheit des Lebens hungern konnte. Ich blieb hoffen. Ich wollte leben. Ich war optimistischer als die Mehrheit meiner Lagergenossen. Hatte das eine Erklärung in der Aufgeklärtheit meines Charakters? War ich körperlich stärker? Das konnte sein, denn sportliche Jugendjahre hatten mich zu einem physisch bereiten Mann gemacht. Ich konnte lange Zeit schwere körperliche Arbeit auf wenig Nahrung verrichten, und im Lagerleben nutzte ich meinen Verstand. Man musste nicht suchen, was man vermeiden konnte.

Meine Schlafgefährten: Pfarrer Maurice Fiévez aus Pont-à-Celles und Karel Goyvaerts aus Boechout holten mich aus dem Silvestergrübeln. Letzterer wusste nicht, dass sein Bruder Hendrik mittags im Lager gestorben war. Mir fehlte der Mut, es ihm zu sagen, wohl riet ich ihm ab, seinem Bruder ein „glückliches“ Neujahr zu wünschen, weil es zu gefährlich war.

Am nächsten Tag erzählte Karel mir, sein Bruder Hendrik sei mit einem Arbeitskommando auf Transport gesetzt worden. Ich wusste es besser, schwieg aber. Karel hat nie vom Tod seines Bruders erfahren. Nach der Befreiung von Flossenbürg kehrte er so geschwächt nach Hause zurück, dass er nur noch wenige Wochen lebte. Karel lebte damals noch in dem Wahn, sein Bruder hänge irgendwo in Deutschland herum.

Doodsbrief Karel Goyvaerts
Todesanzeige Karel Goyvaerts

Blumen und Vergebung
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Tote wurden durch Lebende ersetzt oder durch das, was dafür durchgehen konnte. Laut offiziellen Zahlen wurden zwischen dem 16. Dezember 1944 und März 1945 fast 46.000 Gefangene (genau 46.491) ins Lager gebracht. Ein großer Teil dieser Gefangenen kam aus anderen Lagern. Ihre Gesundheit ließ in der Regel zu wünschen übrig. So wurden aus Groß-Rosen in Schlesien etwa 10.000 Gefangene „auf Marsch gesetzt“ nach Flossenbürg. Ihre Gesundheit war so erbärmlich, dass sie unterwegs Hunderte Tote zurückließen. Diejenigen, die das Lager erreichten, trugen auch noch 400 Leichen mit sich. Die Kapazität des Lagerkrematoriums war zu klein. Leichen wurden im Wald verbrannt.

Gruppen neuer Gefangener wurden von einem Helfer jeweils mit roter Farbe von 1 bis 4 markiert. Eine Sortierung nach Tauglichkeit. Die Nummern eins waren gut für schwere Arbeit, die Nummern zwei kamen für ziemlich schwere Arbeit in Frage, die Nummern drei waren die Schwächlinge für leichte Arbeit und die Nummern vier, echte Elende, wurden von den Kapos des Lagers bessere Arbeitsbedingungen versprochen. Sie wurden „en vrac“ auf Wagen geladen. Zu welchem Ziel? Ging es ihnen entgegen der Ausrottung? Die SS selbst übernahm diese Konvois. „Gesunde“ Schlawiner, die sich unbemerkt unter die Elenden gemischt hatten in der Hoffnung auf ein besseres … Arbeitsregime, wie versprochen, kamen nicht mehr zurück. Sie blieben spurlos verschwunden.

Was Spuren hinterließ, war die Dysenterie-Epidemie beim Nahen des Frühlings. Eine furchtbare Qual, umso mehr, als im Lager weder medizinisches Personal noch Medikamente vorhanden waren. Dysenterie begann mit Erbrechen, Fieber und heftigen Bauchschmerzen mit Stuhlgang und Blutungen bis zu 20 Mal pro Nacht. Schwächere starben nach wenigen Tagen.

Es war höchste Zeit, dass das Ende der Kriegshandlungen in Sicht war, denn bei Mangel an Nahrung war jeder der Erschöpfung nahe, und doch blieben Leben und Tod unvorhersehbar. Eines Tages wurde mein Freund Jozeph Dedobbeleer für ein Arbeitskommando eingeteilt. Er war krank wie ein Hund. Bevor er mit seinen Arbeitskameraden aufbrach, küsste er mich. „Ich werde dich nicht mehr wiedersehen“, sagte er. Er kehrte zwar ins Lager zurück, war aber so geschwächt, dass er am 2. April, drei Wochen vor der Befreiung von Flossenbürg, starb. Er hatte mir noch aus seiner Leidenspritsche sagen können: „Falls du das Glück hast, ins Vaterland zurückzukehren, willst du dann meine Frau und Kinder grüßen und ihnen sagen, dass ich viel von zu Hause geträumt habe und dass meine letzten Gedanken bei ihnen waren.“

Bidprentje Joseph Dedobbeleer
Gedenkkarte Joseph Dedobbeleer

Pfarrer Maurice Fiévez, ein anderer Lagerfreund, hatte an beiden Beinen abscheuliche Wunden, die mit eitrigem Ödem begonnen hatten. Viele Gefangene litten darunter. Maurice wagte nicht, in die Krankenbaracke zu gehen, doch der „Blockchef“, der sicherlich über den Vormarsch der amerikanischen Armeen informiert war, schien plötzlich menschlicher und nachgiebiger geworden zu sein. Der Pfarrer durfte in seiner Pritsche bleiben. Die Beinwunden eiterten weiter. In der Baracke war es schmutzig und das Ungeziefer war nicht von den Wunden fernzuhalten. Da Verbände fehlten, riss ich mein Hemd, das auch nicht mehr ganz sauber war, in Streifen und tauchte diese dann in der Küche der SS-Männer in warmes Wasser. Die so improvisierten Kompressen linderten zwar den Schmerz, hatten aber keine Heilkraft. Im Gegenteil, das Fleisch am Bein begann zu faulen. Ein pestartiger Gestank. Pfarrer Fiévez, der am 1. Dezember 1942 während der Messfeier am Altar seiner Kirche verhaftet worden war, überlebte die Befreiung des Lagers kaum drei Tage. Am Ende seiner Kräfte starb er am 26. April 1945. Ich bat den Bürgermeister von Flossenbürg – dem nach dem Abzug der SS die Verantwortung für das Lager übertragen worden war – ihn auf normale Weise begraben zu dürfen. Dies wurde mir verweigert.

Bidprentje Maurice Fiévez
Gedenkkarte Maurice Fiévez

Angeblich wurde der tote Körper später der Familie von Maurice in Frasnes-lez-Buissenal übergeben. Ich weiß mit Sicherheit, dass dies nicht Maurice war, aber seit vierzig Jahren lege ich am 1. November ein Blümchen auf dieses Grab, denn derjenige, der dort ruht, war auch einer der Unsrigen in Flossenbürg.

Ich lernte Maurice Fiévez im Gefängnis Sint-Gillis kennen. Es war August 1944. Zuvor war er in Charleroi inhaftiert gewesen. Unsere Wege zu den Haftorten, Zuchthäusern, Gefängnissen verliefen gemeinsam. Wir trafen uns in Köln, Nürnberg, Ebrach, Bayreuth, Bamberg … in derselben Zelle. Auch in Flossenbürg fielen wir uns in die Arme.

8 März 1945. Spät in der Nacht war ein Überfall sondergleichen. Ein Konvoi Gefangener war angekommen. Die Baracken waren zu klein, um sie aufzunehmen. Jeder Fleck war gut, um zu sitzen oder zu liegen: zwischen den Pritschen, in den Gängen, in der Waschstube, im Abort. Gesunde, Typhus- und TBC-Kranke und andere Kranke lagen kreuz und quer durcheinander. Plötzlich hörte ich auf Höhe meiner Pritsche eine Stimme über den anderen heraus: „Petit Belge, hättest du nicht ein kleines Plätzchen für mich?“. Es war Maurice Fiévez. Er trug die Nummer 86.379. Er blieb mein Schlafgefährte bis zu seinem Tod.

Einen Sonntag in den letzten Kriegsmonaten vergesse ich nie. Wir waren frei und hatten Zeit, eine Kolonne politischer Gefangener zu sehen, die von SS-Männern mit Hunden begleitet ins Lager taumelte. Sie sahen alle jämmerlich aus. Beladen mit blutigen Decken und schmutzig von Exkrementen schleppten sie sich voran. Entsetzt erkannte ich in dieser Gruppe den Widerstandskämpfer X, der mich und andere in der brabantischen Heimat verraten hatte. Ich schaute ihm direkt in die Augen. Er sah schlecht aus und war von Kopf bis Fuß mit Schlamm bedeckt. Seit der Inhaftierung in Antwerpen im Dezember 1944 hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Er stolperte. Hunde sprangen auf ihn zu. Ein begleitender Wächter trat ihm ins volle Gesicht. Blut quoll aus seinem Mund. Der Abscheu war groß. Mir wurde übel davon.

Die Unglücklichen gingen in die Waschstube. Dort ließen sie ihre stinkenden Sachen zurück. X suchte mich und andere frühere Widerstandskameraden auf. Er wollte offenbar etwas beichten und bat uns, ihm seinen Fehler aus menschlicher Schwäche zu vergeben, durch den er viele aus unserer Antwerpener-Brabantischen Widerstandsgruppe ins Konzentrationslager gebracht hatte. Das fiel uns nicht leicht, denn den Schmerz und das Leid von Flossenbürg hätte er uns ersparen können. Vier unserer Widerstandsgefährten waren bereits gestorben und die Übrigen waren noch nicht am Ende ihres Leidenswegs.

X sagte: „Seht mich hier nun stehen. Habt ihr kein Mitleid mit mir? Habe ich noch nicht genug gelitten?“ Wir hielten Kriegsrat und schoben nach Abwägen frühere Vergeltungsgefühle beiseite. Alle gewährten ihm Vergebung für seine wenig mutige Tat. X schaute uns dankbar an. Am nächsten Tag zog er mit seiner Kolonne weiter. Was ihm widerfuhr, habe ich nie erfahren. Er verließ Flossenbürg mit Ziel Bergen-Belsen. Landete er als Gefangener in russischen Händen?

Bei meiner Rückkehr ins Vaterland habe ich mich daher nicht gegen die Zeichen der Anerkennung ihm gegenüber gewehrt. Dennoch habe ich aus Gerechtigkeitsgründen für mich selbst, für meine Familie, für meine Dorfnachbarn und die Geschichte immer Vorbehalte gehabt. Im Leben muss man zwar vergeben können, doch man darf nicht alles vergessen. Für mich selbst hatte ich den heiligen Eid geschworen, kein Wort, keinen Namen preiszugeben. Ich hatte dafür viele barbarische Schläge in Kauf genommen. Eine persönliche Grundregel, obwohl ich auch Angst vor den Prüglern hatte. Echte Teufel. Gewissen hatten sie nicht und Bestien waren sie sicher. Anders fand ich keine Erklärung für ihre Grausamkeiten an Wehrlosen.

Slachtoffers van Flossenbürg KZ
Opfer des KZ Flossenbürg
Slachtoffers van Flossenbürg KZ
Opfer des KZ Flossenbürg
slachtoffers van dysenterie in Flossenbürg KZ
Opfer der Dysenterie im KZ Flossenbürg
slachtoffers van dysenterie in Flossenbürg KZ
Opfer der Dysenterie im KZ Flossenbürg

Die Verderbtheit im Menschen war in Flossenbürg kaum oder gar nicht zu definieren. Einige Tage vor der Ankunft der amerikanischen Armeen war ich noch Zeuge zweier widerwärtiger Szenen.

An einem Apriltag sah ich einen Jungen von 14 Jahren mit einem Eimer in der Hand den Weg eines Offiziers kreuzen. Rasend vor Wut rief er den Jungen zurück. „Seit wann grüßt man keinen Oberst mehr“, brüllte er. Hochmütig riss der Offizier die Mütze vom Kopf des Jungen und warf sie auf den Boden. Der Kleine bückte sich, um sie aufzuheben. Er bekam keine Zeit dafür, denn drei Revolverschüsse bellten den Jungen kalt. Furchtbar.

Emmanuel Megens aus der Leeuwerikenstraat in Anderlecht war so erschöpft, dass er sich kaum auf den Beinen halten konnte. Während der Suppenausgabe stolperte er und hielt seine Schüssel eine Winzigkeit zu spät unter die Kelle. Der diensthabende Kapo wurde rasend vor Wut, nahm einen Holzklotz, der ihm unter die Hand fiel, und schlug den Mann einfach tot. Waren das gedrogte Bestien? Abnorme? Wahnsinnige?

Doodsbrief Emmanuel Megens
Gedenkkarte Emmanuel Megens

Amerikaner … und nach Hause
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Erste Hälfte April 1945. Der Dienstplan im Lager war gründlich geändert worden. Wir wurden um 3:30 Uhr geweckt, mussten drei Kilometer zu Fuß außerhalb des Lagers schwere Arbeit verrichten. Gegen 20 Uhr kehrten wir zurück. Nach dem Abendappell, um Tote und Lebende zu zählen, krochen wir mit 200 g Brot für fünf Stunden Nachtruhe in die Pritsche. Wenige Tage später betrug die tägliche Ration kaum eine Handvoll Hafer. Das Dritte Reich wankte. Jeder spürte es.

Je weiter April voranschritt, desto schwärzer wurde der Himmel täglich von Hunderten und Aberhunderten Flugzeugen in breiten Formationen hintereinander. Wir vermuteten Amerikaner. Sie flogen hin und her. Wohin? In einem naiven Aufwallen dachten wir zuerst, sie suchten uns. Die Piloten müssen in diesen Tagen sicher den rauchenden Schornstein des Krematoriums bemerkt haben. Er spuckte unaufhörlich Wolken brennender Leichen aus. Leider suchten die Flugzeuge uns nicht. Sie führten Krieg. Unsere Wächter wurden nervöser und … einige fügsamer. Die Schlächter, die Unmenschen von gestern, schlüpften plötzlich in ein Schafspelz: kein Gebrüll mehr, kein Geschimpfe; keine Tritte, keine Schläge; keine Befehle mehr. Das Lager hatte seinen „Kopf“ verloren. Unordnung trat an seine Stelle.

Angesichts der nahenden Befreiung wurde ich vom Fleckfieber niedergeworfen. Durst quälte mich. Schüttelfrost, Erbrechen, Hustenanfälle folgten aufeinander. Schweiß brach mir überall aus. Ich sah meine Füße anschwellen. Angst überfiel mich. Würde ich es noch ein paar Tage durchhalten? Ich schleppte mich – wie, weiß ich nicht mehr – bis in die Krankenbaracke. Gerade wurde ein Toter hinausgetragen. Ich nahm seinen Platz ein. Ich lag bei den Sterbenden. Ein Glück kam mit einem Unglück, denn wenige Tage vor der Ankunft der Amerikaner verließen die SS-Männer in größter Eile mit 16.000 Gefangenen, die noch auf den Beinen waren, das Lager. Das Ziel war Dachau. Kadaver traten ihren „Todesmarsch“ an, ein tagelanges Taumeln und ein Kampf gegen den Tod.

Zwischen dem Abzug der SS und dem Warten auf die Amerikaner war die Freiheit schon zu spüren. Ansteckend Kranke irrten auf der Suche nach etwas Essbarem umher. Sie stießen in der verlassenen SS-Baracke auf ein Fass Sauerkraut und geschälte Gerste. Es war Kirmes.

Inzwischen forderte die Typhus-Epidemie einen hohen Tribut. Täglich wurden 50 bis 80 Sterbende gezählt. Ich überlebte. Nach etwa zehn Tagen zwischen Leben und Tod schwebend, spürte ich Besserung. Ein Wunder oder viel Glück, oder wie man es nennen will, aber ich war wieder auf den Beinen. Stark geschwächt war ich dennoch in der Lage, am 23. April 1945 den amerikanischen Befreiern zuzujubeln. Die Uhr der Erlösung aus der Hölle von Flossenbürg zeigte halb elf. Ich sah, dass Pfarrer Fiévez sich durch den Schlamm bis zum Eingang schleppte. Gehen konnte er nicht mehr. Seine schmerzlich kranken Beine waren zu Blutklumpen geworden. Grauenhaft anzusehen; aber er wollte dabei sein und den Befreiern und Gott danken, dass er das noch erleben durfte. Große Rührung überfiel mich. Körperliche und seelische Spannungen, die sich monatelang in mir aufgestaut hatten, entluden sich in tränenlosem Weinen. Das Herz schluchzte vor aufgestauten Emotionen. Das Leben war monatelang so grausam gewesen.

Glückseligkeit und Trauer bemächtigten sich gleichzeitig meiner: eine intensive Freude über das günstige Lebenslos – oder war es das Werk der Vorsehung? –, das mich vom Tod verschont hatte; innige Traurigkeit um die so vielen Kameraden und Mitgefangenen, die Flossenbürg nicht überlebt hatten. In Pietät gedachte ich ihres Kreuzwegs, auf dem mehr als 14 Stationen errichtet gewesen waren. Sie waren jeweils mehr als dreimal unter der Last und dem Schmerz ihres täglichen Kreuzes gefallen. Ihr Golgatha lag in Flossenbürg und „gute“ Mörder wohnten dort nicht. Schreckliche Bilder rollten mir vor die Augen. „Kinder nicht zugelassen“. Ich schauderte bei Sequenzen über Elende, die wahnsinnig geworden waren oder totgeschlagen wurden. Wesenlose Wesen, zerrissene Menschen. Wie viele im Lager hatten nicht den Tod herbeigerufen, um vom Leiden erlöst zu werden? Sie hatten geweint, geflucht, gebetet. Flossenbürg war ein einziger Gräuel.

Ich habe Narben an Körper, Herz und Seele davongetragen. Sie sind alle bezeichnend rot wie die rote Farbe, mit der ich damals in Flossenbürg Tote markiert habe. Rot hatte ich auch für die Aufschriften verwendet, um die Amerikaner in meiner Sprache willkommen zu heißen.

Blutrot war die Farbe von Flossenbürg. Die SS-Männer, die den „Todesmarsch“ begleiteten, übermalten vor ihrer makabren Reise ebenfalls mit Rot die Mauer, an der täglich um die 90 Gefangene hingerichtet wurden. Rot bedeckte den Menschentod.

Der erste amerikanische Soldat, dem ich begegnete, war Bill Falvey James. Er war begleitet von einem Arzt und einem Dolmetscher. Wenn mein Gedächtnis mich nicht im Stich lässt, hießen sie W. Campbell bzw. William McConahey. Sie haben mich und so viele zurückgebliebene Kranke gerettet. Ich warnte den Arzt, dass viele Fleckfieber hatten. Amerikanische Soldaten hielten aus der Ferne ein Auge darauf. Es kam mir vor, als hätten viele „Soldiers“ des 357. Regiments der 90. US-Division Tränen in den Augen gehabt. Aus der Ferne warfen sie uns Essen, Süßigkeiten, Schokolade, Zigaretten zu. Klappernde Skelette kämpften darum. Eine betrübende Erinnerung.

Am nächsten Tag, dem 24. April, nahmen Ärzte und Pfleger Besitz vom Lager. Wer Typhus hatte, bekam eine Injektion, die anderen erhielten die Segnungen, die medizinisch für nötig erachtet wurden. Es waren 1.526 Kranke in Quarantäne zurückgeblieben, von denen 180 mit Fleckfieber und 98 von TBC betroffen waren. Ich pries mich glücklich, dabei zu sein.

Es war ein Gewöhnen an das Leben, das unter den Amerikanern im riesigen Lager mit etwas mehr als 1.500 befreiten „Kranken“ allmählich in Gang kam. Ein völlig anderes Regime in zu viel leerem Raum mit einem Überfluss an verräterischem Essen für erschöpfte und ausgehungerten Menschen. Viele verloren nach den durchstandenen Entbehrungen die Kontrolle über sich selbst. Fast dreihundert (296) ehemalige Gefangene fraßen sich in wenigen Tagen tot.

Ich hatte den Charakter, maßvoll zu essen. Zwischen den Mahlzeiten inspizierte ich mehrmals das Lager. Ich hatte Zeit und wollte für mich selbst die reinsten Abdrücke von dem machen, was ich ein halbes Jahr als Tierleben hatte ertragen müssen. Nun konnte ich unter anständigen Bedingungen und mit Würde ein Bad nehmen. In den vergangenen Monaten war mir das zweimal gelungen in einem „Dekor“ aus Chlor, Schlägen und Unannehmlichkeiten, bei abwechselnd eiskaltem und heißem Wasser. Jetzt waren keine Kapos dabei.

Selige Ruhe trat an die Stelle der verschwundenen Härte. Ungeziefer zerquetschen und Lumpen von Kleidung desinfizieren konnte geschehen ohne Gebrüll und Knüppelschläge.

Eine große Enttäuschung
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Es war Mai. Ein blauer Mai noch dazu. Ich verweilte bei der Innigkeit der Musik des Merchtemer Komponisten August De Boeck über den „lieben Mai“ und dachte an zu Hause, an Mutter, an die Familie, an die Freunde.

Der Sommer kündigte sich schön an. Jeder lebte auf Hoffnung. Die Repatriierung ins Vaterland war nur noch eine Frage kurzer Zeit. Eines Tages meldeten sich im Lager Engländer vom Nachrichtendienst. Sie waren auf der Suche nach ihren „Agenten“ aus der Kriegszeit. In Flossenbürg trafen sie zwei an: Van Horen und … mich selbst. Gepäck und Sack waren schnell gepackt.

Am 22. Mai 1945 stiegen wir in einen englischen Jeep. Wir brachten einen letzten Gruß an die Zehntausende Opfer dieses schrecklichen Konzentrationslagers. Vor mir lag der Weg in mein Dorf, Merchtem, weit offen. Unterwegs wurde Halt gemacht beim amerikanischen Hauptquartier in Weiden. Die Betten für die Übernachtung standen bereit. Ich erlebte dort einen unvergesslichen Abend. Die Amerikaner empfingen mich wie einen Prinzenjungen. Der einfache Mann vom Land, der ich war, fühlte sich dadurch gewaltig geschmeichelt.

Fünf Tage Jeep und ich war in Brüssel. Der Bürgermeister von Merchtem war über meine Ankunft informiert und holte mich eigens am Nordbahnhof ab. „Ich fahre dich zu deiner Mutter“, sagte er mir.

Während der kurzen Autofahrt von Brüssel nach Merchtem überfiel mich die erste Nachkriegs-Enttäuschung. Als ich vom Bürgermeister erfuhr, welche schändlichen Szenen sich bei der Befreiung im Land und in der Gemeinde abgespielt hatten und wie eine grausame Repression mit der Gerechtigkeit Schindluder trieb, entfuhr mir bitter: „Dafür sind keine 74.000 Menschen in Flossenbürg gestorben.“ Die großen Kollaborateure liefen frei herum, die Kleinen, die Lampenanzünder, die Garnelen füllten die Gefängnisse und Internierungslager bis zum Bersten.

„Hatte der Widerstand gegen einen Feind dem Land gedient, wenn man hörte, wie Straße und Justiz Patriotismus übersetzten? Ich bezweifelte es.“

Am Abend meiner Rückkehr saß ich gemütlich bei Mutter. Sie erzählte, wie nur sie das konnte. Ich sagte nicht viel. Die Gesundheit war nicht die beste. Ansammlung von Flüssigkeit in den Geweben (Hungerödem) und in der Lunge … die Behandlung gegen TBC würde sieben Jahre dauern.

In den folgenden Tagen spürte ich in Merchtem die Wertschätzung für den Überlebenden von Flossenbürg wachsen. Die Gemeinschaft brachte mir und eine unvergessliche Huldigung und sie war mit Recht stolz auf ihren KZ-Gefangenen. Ich bin ihr dafür immer dankbar geblieben.

Der „Todesmarsch“
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Wie bereits zuvor zu verstehen gegeben, hat das Fleckfieber mehr als wahrscheinlich mein Leben gerettet. Die Kapos, die Lagerleitung, die SS-Männer ließen mich – wie so viele andere Kranke – in den Tagen vor der Ankunft der Amerikaner in Ruhe und konzentrierten ihre „Beschäftigungen“ auf die Evakuierung des Lagers, die in dem berüchtigten „Todesmarsch“ gipfelte.

Mein Freund Emile Launois, ehemaliger Gefangener von Flossenbürg, hat mir davon berichtet. Dies wurde ergänzt durch die Herren Volmer und Antoni.

Der 19. April 1945 kündigte sich nicht besonders an. Jeder spürte die Amerikaner in unmittelbarer Nähe, doch niemand hatte eine Vorahnung von dem Drama, das den „Gesunden“ des Lagers, denen, die noch auf den Beinen stehen konnten, bevorstand.

Das letzte Kapitel einer mit Worten nicht zu beschreibenden Gefangenschaft begann mit den Juden. Die Elenden wurden zusammengetrieben und aus dem Lager geführt. Wohin? Warum nur Juden? Laut Zeugen wurden sie alle wie Tiere abgeschlachtet.

Was geschah mit den anderen Tausenden? Die Amerikaner rückten vom Westen vor, die Russen vom Osten. Zwei Walzen. Die Lager-SS trieb die Ausgemergelten in Richtung Westen. Ein apokalyptischer Leidensweg, ein „Jüngstes Gericht“ auf deutschen Straßen. Überall Leichen. Wer nicht folgen konnte oder stolperte, wurde mit einem Kopfschuss oder Nackenschuss niedergestreckt. Die Bewohner der Dörfer hatten den Auftrag erhalten, sie zu begraben. Diese hatten Hände zu kurz, denn die Toten der einen Gruppe lagen noch nicht unter der Erde, da kam schon eine andere vorbei, die ebenso viele Opfer hinterließ. Abscheulich. Von den etwa 16.000 Gefangenen, die Flossenbürg Lebewohl gesagt hatten, sollten nach Zählung 2.654 Dachau erreichen. 5.400 Leichen unterwegs waren nicht mehr zu identifizieren.

Emile Launois und seine Gruppe hatten das Glück gehabt, dass bei dem Überflug eines amerikanischen Flugzeugs und dem immer lauter werdenden Kanonendonner bei schärferem Feuer aus Maschinengewehren die deutschen Bewacher in Panik mit Sack und Pack die Flucht ergriffen. Die Gruppe Gefangener wurde blitzschnell ihrem Schicksal überlassen und konnte ohne jede Mühe den Amerikanern entgegengehen.

Die Irrfahrt war zu Ende!

Es wurde sofort ein Punkt hinter eine Schlächterzeit gesetzt, die aus einer Ideologie rund um „Führer, Volk und Vaterland“ gewachsen war: „Untermenschen“ hatten kein Recht auf Leben … Das Nazitum, geimpft mit dem Recht des Stärkeren, trieb in seiner Hochmut die ganze Menschheit gegen sich in den Harnisch. Es war fähig zu den schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Millionen Menschen gingen einen Leidensweg ohnegleichen in der Geschichte. Tausende Landsleute wurden wegen ihres politischen Erbes gefoltert, getötet. Möge man ihr Leiden im Freiheitskampf für Volk und Land niemals vergessen.

Freiheit ist Recht, Freiheit ist Glück, Freiheit ist Zukunft, Freiheit ist Liebe, Freiheit ist Leben. FREIHEIT BANNT KRIEG.

C.J. Droesbeke

Addenda
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  1. Personalia: Constant Julien Droesbeke wurde am 25. April 1907 in Anderlecht geboren. Seit 1936 war er Berufsfotograf in Merchtem. Adresse: Krekelendries 4. Er leistete seinen Militärdienst beim 2. Regiment Gidsen, in dem er zum Ersten Wachtmeister befördert wurde.

  2. Widerstand: C.J. Droesbeke war 1941 unter der Nummer 2.777 Mitglied des F.I. (Unabhängigkeitsfront). 1942 kam er mit der „Gruppe G“ in Kontakt, unter der Nummer KM 12 A6 Sektion Bayard. Der Auftrag lautete: Beschaffung von Informationen über militärische und andere Zugtransporte auf den Linien Brüssel-Dendermonde-Seeküste und Brüssel-Antwerpen, sowie über das Eisenbahnarsenal in Mechelen und deutsche Lagerplätze.

Ferner: Sabotage deutscher Telefonverbindungen in Asse. Im Auftrag von Herrn Servais, Stevens de Lannoystraat 28, Laeken, wurde Droesbeke in geheime Waffen- und Munitionsabwürfe aus der Luft auf der Bosbeek-Brussegem einbezogen. Der Sprengstoff war für die Sprengung von Garagen bestimmt, die für die Deutschen arbeiteten.

C.J. Droesbeke leistete auch Mitarbeit bei der Reproduktion von Fotos und Texten („ne travaillez pas pour Hitler, la mort vous attend“) zugunsten der Untergrundpresse, u. a. „De Klaroen“.

Im Juni 1942 wurde C.J. Droesbeke von der B.N.B. (Belgische Nationale Bewegung) in die Widerstandsreihen aufgenommen, um die Untergrundzeitung „La Voix des Belges“ zu verteilen.

Bis zu seiner Verhaftung am 31. März 1944 hängte C.J. Droesbeke am 11. November, dem Gedenktag des Waffenstillstands des Ersten Weltkriegs, belgische Flaggen an Denkmälern in Merchtem, Mollem und Opwijk auf. In Opwijk stahl er mit der Mittäterschaft von Fräulein Tassenoy und Herrn Paul De Meersman die Namenslisten von Arbeitern, die für die Zwangsarbeit in Deutschland in Frage kamen, sowie die Lebensmittelmarken, um untergetauchte Widerstandskämpfer versorgen zu können.

  1. Verdiensturkunden:

    a. Verleihung einer Urkunde für geleistete Dienste (Nachrichtenbeschaffung) und große Verdienste im aktiven Widerstand „für die auf glänzende Weise und mit großem Mut geführte gemeinsame Kampf gegen den Feind. Verhaftet und in Deutschland gefangen, nahm er eine höchst würdige Haltung gegenüber seinen Richtern ein. Ist auch schwer invalide. Gegeben durch Beschluss des Prinzregenten Nr. 2.783 vom 10. August 1946 und durch Beschluss Nr. 22.483 vom 20. Juli 1983.“

    b. Offizielle Erklärung des Bürgermeisters:

    „Der Bürgermeister der Gemeinde Merchtem erklärt, dass das Personenkraftfahrzeug von Droesbeke Constant-Julien aus Merchtem, Kennzeichen 333873, während der Mobilmachung des belgischen Heeres und des Krieges im Dienst war, bis das Fahrzeug als Kriegsbeute in deutsche Hände fiel. Danach hat Herr Droesbeke dieses Fahrzeug bei den Deutschen gestohlen und es während der Besatzung versteckt gehalten. Meiner Meinung nach war sein Wagen vor der Mobilmachung in gutem Zustand.

    Merchtem, 10. September 1946, Bürgermeister Van Ginderachter.“

    c. Certificate of Service:

    Certificate of Service
    Certificate of Service

    d. Offizielle Erklärung des Polizeikommissars:

    „Der Unterzeichnete, Polizeikommissar der Gemeinde Merchtem, bestätigt, dass der genannte Droesbeke Constant Julien, politischer Gefangener, geboren in Anderlecht am 25. April 1907 und wohnhaft in Merchtem, Krekelendries 4, während des Krieges 1940–1945 sehr aktiv im Widerstand war und er über längere Zeit tatsächliche Hilfe an zwei untergetauchten russischen Staatsangehörigen leistete. Merchtem, 14. September 1966.“

  2. Hilfe an Arbeitsverweigerer: Er gewährte Arbeitern, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland verpflichtet wurden, Unterkunft und Verpflegung.

  3. Hilfe an Russen, Amerikaner, Juden: Eines Nachts traf C.J. Droesbeke auf zwei russische Soldaten. Sie waren aus einem Arbeitslager an der verbrannten Brücke in Vilvoorde entkommen. Einer von ihnen, Wassili Kisolof, sprach ein wenig Französisch. Der zweite hieß Ivergnie Litsitjanskie. Droesbeke räumte für beide den Kleiderschrank leer und besorgte ihnen auch Identitätspapiere, die im Gemeindehaus von Sint-Jans-Molenbeek gestohlen worden waren. Die beiden Russen wurden anschließend auf Kosten von Herrn Droesbeke und dessen Mutter in der gemieteten Villa Abatuci an der Bosbeek in Brussegem (Merchtem) untergebracht. Beide unterhielten (Unterhalt, Verpflegung und Miete) die zwei Russen bis zur Befreiung. Nach ihrer Repatriierung gaben beide Russen weder Zeichen noch Leben mehr von sich.

Zwei amerikanische Flieger, die über Ath abgeschossen worden waren, gelangten bis Merchtem. Herr Droesbeke war zu diesem Zeitpunkt bereits von den Deutschen verhaftet und saß in Antwerpen in Haft. Der Merchtemer Widerstand wollte Kontakt mit Droesbeke aufnehmen, der Adressen kannte, wo die Amerikaner sicher unterkommen konnten. Die Mutter von Droesbeke erlangte über Bekannte Besuchsrecht bei ihrem Sohn. Das kostete sie 16.000 Franc und einen Schinken, aber sie erfuhr eine Adresse (kleine Bauern mit viel Mut in Breestraeten), wo die beiden Amerikaner bis zum Ende der Besatzung bleiben konnten. Einer der amerikanischen Flieger, Offizier Dingledine aus Washington, hielt lebenslang Kontakt mit den Merchtemer Wohltätern.

bewijs van storting 15.000 frank
Beleg über die Einzahlung von 15.000 Franc
bewijs van storting 1000 frank
Beleg über die Einzahlung von 1.000 Franc

C.J. Droesbeke und Albert Moons halfen dem belgischen Juden Chlema Seidenschnir an ein Versteck im Kloster in Mollem. Dieser Mann entging dadurch der Deportation in deutsche Konzentrationslager.

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